[size=150]Das Pferd im Gleichgewicht[/size]bron: Het lijfblad van het Rheinlands Stamboek en paardensport.
http://www.reiter-pferde.de/web/cms/archivMareike Roszinsky
Sie ist das Herzstück der deutschen Reiterei – die Skala der Ausbildung. In ihr manifestiert sich das Fundament des deutschen Reitsports. Und nicht nur der Erfolg der deutschen Sattelkünstler in allen Sparten des Reitsports gibt Verfechtern dieser Lehre Recht; auch die glücklichen Gesichter der Reiter, die ihre Pferde gemeinsam mit ihren Trainern – ganz ohne Turnierstress – arbeiten, bestätigen den Stellenwert der Skala der Ausbildung. Doch worin genau liegt der Clou dieses Systems, das allen Disziplinen der Reiterei in gleicher Weise Rechnung trägt?
Als Gustav Steinbrecht (1808-1885) seinem Schüler Paul Plinzer seine gesamten Notizen übergab, damit der aus den Aufzeichnungen ein Buch verfassen konnte, um der Nachwelt die Steinbrecht’schen Grundsätze der Reiterei zu vermachen, ahnte er wohl nicht, dass er damit zum „Stammvater“ der deutschen Reiterei werden würde. Das Gymnasium des Pferdes ist heute die „Bibel“ der deutschen Reiterei. Der darin beschriebene Weg, nach dessen Prinzipien Reiter ihre Pferde bis zur Hohen Schule ausbilden können, ist der Vorreiter der heutigen Ausbildungsskala. Ihre sechs Punkte sind elementare Säulen unseres Ausbildungssystems; sie ist das Navigationsgerät der deutschen Reiter. Das Endziel: Harmonie in Vollendung, Durchlässigkeit in Perfektion. Doch die Fahrt dorthin ist eine kleine Weltreise. Nicht selten muss man an den Ausgangsort zurückkehren und von vorne anfangen. Und eine Garantie, dass man wirklich am Ziel ankommt, gibt es natürlich nicht. Wer sich also auf diese Reiseroute wagt, der muss den Weg möglichst genau kennen. Zu viele Abzweigungen, die einen kürzeren Weg versprechen, verführen – und entpuppen sich letztendlich doch als Sackgassen. Geduld heißt also das eine Zauberwort, Wissen das andere.
Im Zuge der internationalen Diskussion um die Hyperflexion im Dressursport drängt die Skala der Ausbildung wieder verstärkt in den Fokus der Fachwelt. Der heutige Dressursport würde sich immer weiter von den Grundsätzen der klassischen Reiterei entfernen, mahnte Kurt Albrecht (1920-2005) schon in den 90er Jahren an. Pass statt Schritt, irgendwas zwischen Zwei- und Dreitakt im Trab, Viertakt im Galopp – Albrecht, von 1974 bis 1985 Leiter der Spanischen Hofreitschule in Wien, sah die klassische Reiterei, deren Erbe sich im Dressursport manifestierte, untergehen. Schwarzmalerei oder realistisch? Sind Reiter und Ausbilder der heutigen Generation mit der „Verwaltung“ dieses Erbes überfordert? Welche Rolle spielt die Skala der Ausbildung im heutigen Sport – oder besser: Welche Rolle sollte sie spielen? Fragen über Fragen, die in der Szene derzeit heiß diskutiert werden! Wird ein Pferd korrekt nach den Gesichtspunkten der Skala ausgebildet, dürften Richter die oben genannten Fehler eigentlich nicht zu Gesicht bekommen. Die Realität sieht bekanntermaßen anders aus. Fotos von im internationalen Sport erfolgreichen Pferden in Trabverstärkungen, die vorne strampeln und hinten nicht mitkommen, sind alltäglich. Auch auf ländlichen Turnieren sind solche Ritte alles andere als eine Seltenheit. Dabei ist das Pferdematerial hinsichtlich Bewegungspotenzial und Rittigkeit so gut wie nie – daran kann es nicht liegen. Was bleibt, ist die erschreckende Feststellung, dass viele Reiter ihre Pferde eben nicht entsprechend ausbilden können, dass viele die Skala der Ausbildung zwar herunterbeten, aber nicht korrekt anwenden können. Und da der erfolgreiche Reiter in Personalunion auch oft Trainer ist, entsteht ein Teufelskreis, in dem sich falsche Praxis und mangelnde theoretische Kenntnisse gegenseitig bedingen. Kunst versus künstlich Die klassische Reiterei ist Kulturgut und Kunst in einem, meinen ihre Verfechter – die moderne Sportreiterei dagegen nicht. Erstere reiten, um ein Kunstwerk zu schaffen, eine bestimmte Lektion in größtmöglicher Harmonie mit dem Pferd ausführen zu können und um eine Kultur zu erhalten; die Letzteren um Preisgeld, goldene Schleifen und Prestige. „So einfach und pauschal ist das nicht zu beurteilen“, hält Jan Nivelle dagegen, „denn viele machen es falsch, weil sie es einfach nicht besser wissen“. Außerdem sei auch das tägliche Gymnastizieren eines Pferdes zu Sportzwecken als Kunstwerk zu betrachten – als eines, das jeden Tag neu geschaffen werden will. Der gebürtige Belgier wirkt auf dem Landesleistungsstützpunkt Pannenbeckerhof in Holzbütten und ist Nationaltrainer des spanischen Dressur-Nachwuchses. Er sieht die Entwicklung des Dressursports durchaus kritisch, glaubt aber, dass Sport und klassische Reiterei bei entsprechender Ausbildung der Trainer und Reiter zu vereinbaren sind. Er fordert ein größeres Verantwortungsbewusstsein aller Beteiligten und ein größeres Bewusstsein für die Erweiterung des eigenen Wissens.
Weg von der „Knopfdruck-Mentalität“ Bereits ab dem 17. Jahrhundert beschäftigten sich Reiter des Barock und der Renaissance mit Ausbildungsprinzipien für Reitpferde, zum Beispiel Antoinne de Pluvinel (1555-1620), William Cavendish Duke of Newcastle (1693-1667) und Francois Rubichon de la Guèriniére (1666-1751). Im 20. Jahrhundert setzte die militärische Reiterei Akzente, aus der sich der heutige Dressursport entwickelte. Soldaten im Sattel setzten bei der Ausbildung ihrer Pferde auf Ausbildungsprinzipien der klassischen Reitkunst. So lag der 1912 überarbeiteten Reitvorschrift in der Heeresdienstverordnung (HDV), in der alle Begriffe der Skala schon im Inhaltsverzeichnis aufgeführt werden (Seite V & 124-128), vor allem Steinbrecht’s Gymnasium des Pferdes zugrunde. Gustav Steinbrecht vertrat die alte, zu seiner Zeit aus der Mode gekommene klassische Reitkunst. Aus heutiger Sicht war er aber nicht nur ein Bewahrer klassischer Reittradition, sondern ein Wegbereiter. Er zeigte einen Weg auf, die klassische Reiterei in die moderne – die der Kavallerie – zu integrieren. Die Ausbildungsgrundlagen aus der Heeresdienstverordnung von 1912 finden sich heute – in modernisierter Form – in den Richtlinien Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Weil sich der Dressursport in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgrund der Leistungsgesellschaft mit ihrer „Knopfdruck-Mentalität“ und ihrem allgemeinen Entertainment-Bedürfnis immer weiter von der klassischen Reiterei entfernte, beschwören viele Koryphäen eine Entwicklung „back to basics“, George Theodorescu zum Beispiel, der stets propagierte, „sich verstärkt auf die alten Weisheiten und damit auf die Skala der Ausbildung zurück zu besinnen“ (in seinem Vorwort zu Britta Schöffmanns Die Skala der Ausbildung). Was allerdings voraussetzt, dass Ausbilder und Reiter die Skala interpretieren und in die Praxis umsetzen können.
Von Xenophon zu Steinbrecht Der Begriff „Skala der Ausbildung“ eroberte erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die Fachliteratur, vornehmlich durch Horst Niemack, den damaligen Leiter der Deutschen Reitschule in Warendorf. Wenig später erfolgte ihre tabellarische Auflistung. Gustav Steinbrecht erwähnt in seinem Buch Das Gymnasium des Pferdes, das erstmals 1884 erschien, zwar einzelne Punkte und erklärt diese detailliert, fasst sie aber nicht unter dem Begriff „Skala“ zusammen. In vergangenen Jahrhunderten bildeten Reiter ihre Pferde nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ aus – nur leider gingen die Fehlversuche immer auf Kosten der Vierbeiner. Dass sich schon der Sokrates-Schüler Xenophon 400 Jahre v. Chr. in Peri Hippikes Gedanken um eine artgerechte Ausbildung von Pferden gemacht hatte, war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Erst mit Antoine de Pluvinel, Newcastle und Rubichon de la Guérinière kam die Reiterei der Reitkunst wieder ein kleines Stückchen näher. Im 19. Jahrhundert setzte sich dann der Anspruch, Reiten als Kunst zu betreiben, durch – vornehmlich durch die Lehren von Baucher und D’Aure. Ihr Schüler Alexis L’Hotte entwickelte die Lehre weiter und prägte den Begriff „gelassen-vorwärts-gerade“ in der Ausbildung von Reitpferden. Ein Prinzip, dass auch Steinbrecht für sich entdeckte und mit seinem Gymnasium des Pferdes zum Grundsatz moderner Ausbildung machte.
Skala als Gleichgewichtslehre „Wer dieses Buch nicht kennt, der läuft Gefahr, gewaltige Fehler zu machen“, sagt Jan Nivelle. Er betrachtet Steinbrechts Gymnasium des Pferdes als elementare Gleichgewichtslehre und versteht daher auch die Skala der Ausbildung als eine solche. „Denn letzten Endes geht es doch darum,
die Statik eines Pferdes zu verändern“, so der 50-Jährige. Genau darin liege seiner Meinung der Clou dieses Systems. „Gleichgewicht beim Reiten bedeutet Statik in der Dynamik.
Die Skala weist einen Weg, wie der Reiter vom Ist-Zustand zum Soll-Zustand kommt, obwohl das zunächst der Anatomie des Pferdes widerspricht.“ Denn das Pferd ist bergab gebaut. „Die Vorhand bildet den Stützapparat, die Hinderhand den Fortbewegungsapparat“, erklärt Nivelle und vergleicht im nächsten Atemzug das Pferd mit einem Traktor: „Vorne kleines Rad, hinten großes Rad.“ Stellt man sich dann den Rücken des Pferdes als eine Brücke vor, dann neigt sich diese nach vorne hin – wie eine Rutschbahn. Der Kommentar „Auf dem fühle ich mich wie auf einer Rutschbahn“ beruht also auf Tatsachen und nicht auf subjektiven Empfindungen eines Reiters. Denn das Gewicht von Kopf, Hals, Brustkorb und Schulter – in diesem Teil befinden sich auch die meisten Organe – ist in der Summe größer als das der Hinderhand, die Vorderlastigkeit des Pferdes ist damit eine anatomische Grundsätzlichkeit. Die Hinderhand hat aufgrund ihrer Anatomie - winkeliges Sprunggelenk und starke Bemuskelung – die Fähigkeit Schubkraft zu entwickeln. Die Vorhand dagegen federt die Bewegungen ab. Steinbrecht setzt an diesem Punkt an und sieht seine Lehre als „naturgemäße Gymnastik, durch welche seine Kräfte gestählt, seine Glieder gelenk gemacht werden“ (S. 52). „Durch dieselbe werden die kräftigen Teile zu Gunsten der Schwächeren zu größerer Tätigkeit angehalten, die letzteren durch allmähliche Übung gestärkt und verborgene Kräfte (…) hervorgerufen.“ (S. 52) Soll heißen: Das große Rad, die Hinterhand, wird zugunsten der weiteren Entwicklung der Vorhand, zu größerer Aktivität angeregt. Nur so kann das kleine Rad, die Vorhand, ihr Bewegungspotenzial entfalten und zu einem großen Rad werden. Versammlung und Losgelassenheit wirken der anatomisch bedingten Vorderlastigkeit eines Pferdes entgegen. Losgelassene Pferde schwingen im Rücken nach oben, die Vorhand wird „leichter“. Gleiches gilt für die Versammlung. Erreichbar ist beides durch eine Umkehrung des horizontalen Gleichgewichts unter Herstellung des vertikalen Gleichgewichts. Heißt: Jede Körperachse des Pferdes verfügt über einen eigenen Bogen. Horizontal handelt es sich um den Biegungsbogen der Längsachse, vertikal um den Biegungsbogen der Querachse. „In diesem Zusammenhang kann man wie bei einem Auto von Längs- und Querdynamik sprechen“, so Nivelle. Schnittpunkt beider Bögen ist das Becken. Erst wenn der Schwerpunkt unter diesem liegt – befindet sich das Pferd horizontal und vertikal im Gleichgewicht. Nach Nivelle bestimmen die ersten drei Punkte der Skala der Ausbildung – Takt, Losgelassenheit und Anlehnung – das horizontale Gleichgewicht. „Das Pferd steht an den treibenden Hilfen und der nachgiebigen Hand, das heißt, es tritt über den hoch schwingenden Rücken an die Hand heran.“ Erst das Treiben ermöglicht es dem Reiter, ein Pferd ins horizontale Gleichgewicht zu bringen. Schwung ist eine Verbesserung des horizontalen Gleichgewichts. Auf dem Weg zum Endziel Versammlung stolpert der Reiter aber noch über Punkt sechs fünf der Skala der Ausbildung, die Geraderichtung. „Sie ermöglicht das vertikale Gleichgewicht“, weiß Jan Nivelle. Ohne vertikales Gleichgewicht kann sich kein Pferd auf gebogenen Linien auf einem Hufschlag bewegen. Prüfstein des vertikalen Gleichgewichtes ist die Geraderichtung, die wiederum durch Biegung erarbeitet werden muss. „Durch sie (Biegung, Anm. d. Verf.) hauptsächlich wird das Pferd befähigt, gebogene Linien richtig einzuhalten, kurze und scharfe Wendungen prompt und leicht auszuführen und hauptsächlich auf zwei Hufschlägen seine Gangarten rein und geläufig zu halten. Mit ihrer Hilfe kann der Reiter in allen diesen schwierigen Lektionen den inneren Hinterfuß belastet und die Vorhand entsprechend vorgerichtet erhalten, damit die Wirkung beider Hinderfüße gleichmäßig und ungeschwächt gegen die Vorhand gerichtet bleibt.“ (S. 96) Nur ein gebogenes und gerade gerichtetes Pferd kann losgelassen versammelt werden. „Meiner Erfahrung nach sind die meisten Pferde wie wir Menschen Rechtshänder und daher nach links schief. Das heißt, das linke Hinterbein tritt an der Spur des linken Vorderbeines außen vorbei. Das Pferd ist also links hohl und macht sich auf der rechten Seite fest. Es läuft über die rechte Schulter weg, verlagert sein Gewicht auf das rechte Vorderbein. Das Ausbrechen nach rechts ist Folge der so genannten Zentrifugalkraft (Fliehkraft): Der Reiter als mitbewegter Beobachter nimmt linke Hand auf dem Zirkel eine senkrecht zur Bewegungsrichtung (nach außen) wirkende Kraft wahr. Der Reiter versucht, dieser Reaktion durch Einknicken in der linken Hüfte entgegen zu steuern – ohne Erfolg. Natürliche Schiefe bedeutet also nichts anderes, als das sich der Schwerpunkt des Pferdes diagonal nach vorne verschiebt, im Fall eines „Rechtshänders“ von hinten links nach vorne rechts. Diese Verschiebung zeigt sich auch auf der rechten Hand. Um die Balance zu halten, stützt sich das Pferd auf sein rechtes Vorderbein und dreht die Hinterhand um das Stützbein herum. Statt Zentrifugalkraft wirkt jetzt die so genannte Scherkraft – die Hinterhand schert im wahrsten Sinne des Wortes nach außen aus.
Schnittpunkt Becken Bewegt sich ein Pferd sowohl vertikal wie auch horizontal im Gleichgewicht, dann ist Versammlung möglich. Schnittpunkt der vertikalen und horizontalen Achsen ist das Becken/Hüfte des Pferdes. Um das horizontale Gleichgewicht umzukehren, muss sich die Hüfte senken – durch Beugung der Hanken. Zur Hanke zählt aber nicht nur das Sprunggelenk, sondern vielmehr alles abwärts ab dem Hüftgelenk. Deshalb muss der Fahrer den Motor anschmeißen – sprich: die Hinterhand des Pferdes aktivieren. Die vermehrte Lastaufnahme geht immer mit dem Winkeln der Gelenke einher und mit dem Heben der Mittelhand – und damit mit verbessertem Raumgriff. So erreicht der Reiter die erwünschte „bergauf“-Bewegung. Die Vorhand hebt sich, es kommt zu positiver Körperspannung und damit Aufrichtung und Kadenz. Versammlung und Aufrichtung stehen immer in Relation zueinander: Ein Pferd in absoluter (zu hoher) Aufrichtung, trägt sich nicht genügend im Rücken und auf der Hinterhand. Weicht ein Pferd in der Versammlung mit der Hinterhand aus, ist es nicht genügend geradegerichtet. Bei korrekter Versammlung hat der Reiter sein Pferd vor sich – in relativer Aufrichtung. Takt, Losgelassenheit, Anlehnung und Schwung bleiben erhalten. Sie sind also Ziel und Weg in einem. Dann kommen folgende Begriffe, die viele Reiter im Zusammenhang mit der Skala der Ausbildung sehen, zum Tragen: Leichtigkeit, Rhythmus, Durchlässigkeit und Harmonie.
Individualität gefragt – Flexibilität gefordert Die Frage, die sich für den Reiter aus dem Phänomen „natürliche Schiefe plus Vorderlastigkeit“ ergibt, ist daher, wie das Körpergewicht des Pferdes optimal auf seine vier Füße verteilt werden kann, um ein Ausweichen über Schulter oder Hinterhand zu vermeiden – immer im Verhältnis zur Tragfähigkeit des einzelnen Fußes. „Eine Patentlösung gibt es nicht“, belegt Nivelle. „Anatomische Begebenheiten variieren von Pferd zu Pferd, bei jedem sind natürliche Schiefe und Versammlungsbereitschaft unterschiedlich ausgeprägt.“ Auch das Interieur variiert. Bei der Ausbildung eines Pferdes ist also Individualität gefragt, die wiederum Flexibilität des Ausbilders/Reiters voraussetzt. „Dennoch ist es möglich, nach einem Grundschema zu arbeiten, und das ist die Skala der Ausbildung“, so Nivelle. „Wichtig ist, nie den offenen Blick zu verlieren und festgefahrene Strukturen zu vermeiden“, weiß der Fachmann. „Wer sich auf ein starres Schema fokussiert, wird das Endziel nie erreichen.“ Zwar sollte man sich an den Erfahrungen anderer orientieren, aber das eigene Wissen auch selbstständig aus den eigenen Erfahrungswerten heraus erweitern. „Schließlich hat keiner die Weisheit für sich gepachtet“, wird Jan Nivelle deutlich. Er rät vielmehr dazu, die Skala der Ausbildung als Diagnose-System zu betrachten, anhand dessen der Reiter die „Fehler“ des Pferdes aufdecken und mithilfe dessen er sie in den Griff bekommen kann. Ob sich der Schwung aus der Versammlung heraus ergibt, oder Losgelassenheit grundlegend für den Takt ist oder auch andersherum – das hängt im Wesentlichen vom Pferd und vom Können des Reiters ab. Die einzelnen Punkte der Skala sind also keine chronologisch abgegrenzten, sondern ineinander greifende Ausbildungsschritte.
Die Skala der Ausbildung w Takt: räumliches und zeitliches Gleichmaß aller Schritte, Tritte und Sprünge w Losgelassenheit beschreibt einen Zustand beim Reiten, in dem sich ein Pferd mit schwingendem Rücken, deutlich vor der Senkrechten in allen Gangarten im Takt bewegt und auf die Hilfen des Reiters reagiert; Zeichen von Losgelassenheit sind Abschnauben, Mitschwingen, der entspannt getragen, hin und her pendelnde Schweif, die Kautätigkeit des Mauls; Körper und Seele befinden sich im Einklang; in den FN-Richtlinien wird Losgelassenheit als physische und psychische Gelöstheit beschrieben; Prüfstein: Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen. w Anlehnung: Verbindung zwischen Hinterhand, Pferderücken, Reiterhand und Pferdemaul über die Zügel; das Pferd soll sich aber nicht auf die Hand lehnen, sondern an dieselbe, sprich: Es existiert eine weiche, federnde Verbindung; Anlehnung ist kein Zustand, sondern ein Prozess der Kommunikation und des Herandehnens; die Anlehnung ist Dreh- und Angelpunkt des Reitens – sie verbindet die Basis (Takt, Losgelassenheit) mit dem Aufbau (Schwung, Geraderichtung, Versammlung). Der Reiter kommt zum Sitzen und zum Treiben. w Schwung: energischer Impuls aus der Hinterhand, der auf die gesamte Vorwärtsbewegung nach aufwärts übertragen wird; Schwung existiert im Trab und Galopp, nicht aber im Schritt, da dieser über keine Schwebephase verfügt. w Geraderichtung: Das Pferde geht hufschlagdeckend, Vorder- und Hinderhand sind aufeinander „eingespurt“; Die natürliche Schiefe des Pferdes wird ausgeglichen. w Versammlung: Die Hinterbeine des Pferdes nehmen vermehrt Last auf durch Senkung der Kruppe und durch Hankenbeugung bei gewölbtem Rücken. Die Schubkraft wird vermehrt in Trag- und Federkraft umgewandelt, relative Aufrichtung und Gewinn von Schulterfreiheit; auch: positiver Spannungsbogen.